Capri        
 
         
 
Süddeutsche Zeitung -Süden ohne Schmelz / von Thomas Steinfeld

Die Insel Capri ist keine menschenfreundliche Gegend. Es stehen dort zwar Zitronenbäume, und es sind gar nicht wenige. Auch Wein und Artischocken werden angebaut. Aber milde ist, abgesehen vom Wetter zwischen Oktober und Mai, an diesem Ort höchst wenig. Ein nackter Felsen im Meer war diese Insel noch nach dem Zweiten Weltkrieg, das Wasser musste mühsam in Zisternen gesammelt werden, und hätte es die Ausländer nicht gegeben, die Touristen und die zumindest vorübergehend Expatriierten, wären diese paar Quadratkilometer eine Gegend für Ziegen und arme Fischer geblieben.

Aber warum kommen die Menschen aus den kälteren Regionen seit 200 Jahren in stetigem Fluss und mit nicht nachlassender Begeisterung? Sitzen auf derselben kleinen Piazza, laufen dieselben Wege treppauf, treppab, besuchen dieselben Gaststätten? Und nur die wenigsten von ihnen verbringen ihre Tage an einem der beiden winzig kleinen, steinigen Strände – während die anderen auf ihren Aussichtspunkten ruhen und hinausschauen auf das Meer und den Golf von Neapel und immer wieder dasselbe sehen.

 
   
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